Trailer 5 Jahre Leben

Deutschland, Frankreich 2013

96 Minuten | FSK 12

 

Das Schicksal des 19-jährigen Murat Kurnaz, der nach dem 11. September in Pakistan festgenommen und im Gefangenenlager Guantanamo inhaftiert wurde, wurde in ein packendes, unter die Haut gehendes Spielfilmdrama verwandelt. Eine empörende Geschichte, über die in den deutschen und internationalen Medien viel berichtet wurde. Keine der ihm zur Last gelegten Anschuldigungen konnte bewiesen werden und trotzdem hielten (und halten) sich Zweifel an seiner Unschuld hartnäckig. Ein perfekter Stoff für einen hochemotionalen Film jener Art, wie er oft genug als sogenanntes TV-Event präsentiert wird. Glücklicherweise hat Stefan Schaller, Absolvent der Filmakademie Ludwigsburg, einen ganz anderen Film gedreht, einen Film, der Fragen offen lässt, der auf eine explizite Unschuldvermutung (oder das Gegenteil) verzichtet, der Emotionen eher herunterspielt und der möglichst wenig Gewalt direkt zeigt. Ein sehr bemerkenswertes, reifes Regiedebüt auf handwerklich höchstem Niveau!

Der Film beschränkt sich auf die ersten zwei Jahre von Murat Kurnaz‘ Zeit in Guantanamo und verdichtet sie auf die Verhöre durch einen einzigen Mann. Es ist ein geradezu klassisches Psychoduell, das zwei ungewöhnlich starke Persönlichkeiten hier ausfechten: Kurnaz und der amerikanische Verhörspezialist Gail Holford. Wo Holford die ganze Palette von verständnisvoll über manipulativ bis hin zu direkten Drohungen aufbietet, hat Kurnaz dem nur das Gefühl seiner Unschuld und den daraus resultierenden Überlebenswillen entgegenzusetzen. Kurnaz wird zunächst in einem Gitterverschlag inhaftiert, der ihm Gespräche mit wechselnden Zellennachbarn erlaubt (die zum Teil auf ihn angesetzt sind). Später wird  er in der Isolationshaft in eine Zelle mit gekacheltem weißem Boden und drei ebensolchen Wänden verlegt. Durch die durchsichtige vierte Wand wird er ununterbrochen vom Wachpersonal beobachtet, gelegentlich mit ohrenbetäubend lauter Musik beschallt, permanentem Neonlicht oder wechselnden Kälte- oder Hitzeströmen ausgesetzt. Eingeschobene Rückblenden erzählen die Vorgeschichte, zeigen Kurnaz als Türsteher vor Bremer Diskotheken, bei Auseinandersetzungen mit seiner Clique und seinen Eltern, die Ermordung seines besten Freundes und seinen Sinneswandel (der Wunsch, sich näher mit dem islamischen Glauben zu beschäftigen) sowie seine Kontakte zu Serdal, von dem Holford später behaupten wird, er sei der Terrorist, der Kurnaz rekrutieren sollte.

R: Stefan Schaller | B: Stefan Schaller & David Finck| K: Armin Franzen | D: Sascha Gersak (Murat Kurnaz), Ben Miles (Gail Holford), Trystan Pütter (Collins), John Keogh (Smith), Timur Isik (Akhmal), Kerem Can (Serdal), Siir Eloglu (Murats Mutter), Tayfun Bademsoy (Murats Vater)